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Maschinenmalerei im Zeitalter von Real Virtuality
zum Werk von Holger Bär

 

Maschinenmalerei im Zeitalter von Real Virtuality
zum Werk von Holger Bär

"Was wir über die Gesellschaft, ja über die Welt in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien." Mit diesem streitbaren Satz leitet der Systemtheoretiker Niklas Luhmann, sein 1996 erschienenes Werk "Die Realität der Massenmedien, Opladen: Westdt. Verlag" ein. Die Massenmedien, so führt Luhmann aus, müssen als geschlossener Systemzusammenhang innerhalb der Gesellschaft gedacht werden. Sie erfüllen eine spezifische Funktion und zwar versorgen sie die Gesellschaft mit Informationen, allerdings ohne Garantieübernahme für Zugewinne auf kognitiver Ebene. Gesellschaftliches Lernen ist also nicht Aufgabe der Massenmedien. Ihre Leistung besteht allein darin, mittels der Unterscheidung Information/Nichtinformation auf irgendeine Art Neuigkeiten zu liefern und zu überraschen. Dabei ist es völlig gleichgültig, ob es sich um Nachrichten, Fernsehshows oder Wissenschaftsmagazine handelt.
Die operative Geschlossenheit des massenmedialen Systemzusammenhangs, ergibt sich erst durch den Einsatz technischer Mittel zur Verbreitung von Kommunikation. Schrift allein reicht zur Ausdifferenzierung des Systems nicht aus, es geht um die maschinelle Herstellung eines Produktes als Träger der Kommunikation. Gemeint sind: Druckpresse, fotografische oder elektronische Kopierverfahren, Funk, Fernsehen, Internet usw. Was bedeutuet das? Vor allem, daß die Massenmedien einen exponierten Stellenwert innerhalb der modernen Gesellschaft einnehmen, wir sind - und das ist Luhmanns These- zwar nicht handlungsmäßig determiniert, aber zumindest kognitiv komplett beeindruckt von einem ausdifferenzierten Funktionssystem, das gleichberechtigt neben anderen Systemtypen wie Recht, Wirtschaft, Politik oder Erziehung steht.

Eine Hauptwirkung der Massenmedien besteht darin, daß sie die reale Realität, also den faktischen Vollzug um die Dimension des Fiktionalen erweitern. Die Faktizität wird mehr und mehr überlagert von Kommentaren, Geschichten und Beobachtungen. Heute ist die Dimension erreicht, daß keiner mehr genau weiß, was wirklich geschieht, weil alles was geschieht nicht mehr aus dem Bedeutungskontext divergierender Beobachtungen herauszuläsen ist. Fiktive Erzählungen gewinnen allein durch medienwirksames Auftauchen reale Geltung und wirken als Information auf die Realität zurück. Für den Einzelnen stellt sich mehr und mehr die Zumutung, mit einer sich selbst generierenden und expandierenden Informationsmenge umgehen zu müssen, eine Überforderung, wie sich für viele zeigt, denn der alteuropäische Kriterienkatalog hat uns gelehrt, die Differenz von Faktizität und Beobachtung als Einheit (und nicht als Differenz) zu handhaben.In der Moderne gilt es jedoch zu erkennen, daß wir dem ontologischen Status der Dinge durch die Operation der Beobachtung nicht beikommen und daß wir darauf angewiesen sind unsere Abtastsysteme zunehmend auf eine Realität auszurichten, die wir ausschließlich vermittelt und zwar immer vielschichtiger vermittelt, erfahren. Nicht nur die Einschätzbarkeit realer Sachverhalte (oder fiktiver Sachverhalte mit realen Folgen) wird demzufolge immer schwieriger, sondern auch die Mäglichkeit Einschätzungen und tatsächliches Handeln in †bereinstimmung zu bringen. Wir müssen uns in Zukunft vermehrt darauf einstellen, daß dies nicht gelingt. Was unsere alteuropäischen Ansprüche anbelangt, so brauchen wir neue Konzepte fürs Scheitern.

Was die Künste mit den Massenmedien verbindet, ist, daß auch sie die Realität in gewisser Hinsicht verdoppeln. Auch sie konfrontieren die reale Realität mit einem Mäglichkeitenspektrum. Was sie unterscheidet, ist ihre Intentionalität. Kunst will irritieren, für Anregungen sorgen, gängige Sehweisen in Frage stellen und im weitesten Sinne die Urteilskraft des Betrachters herausfordern. Kunst muss Probleme sichtbar machen. In den Zeiten der Massenmedien gelingt dies oft nur durch drastische Bildwirkung oder durch starke Reduktion auf Wesentliches, vor allem muß der Künstler mit seinem Werk auf sich selbst aufmerksam machen um als Garant für die Plausibilität seines Produktes dessen Wirkungsdimension zu intensivieren.

Holger Bär geht den Weg, den Prozeß des Kunstschaffens selbst unter der Bedingung von Medienwirklichkeit und digitaler Technologieentwicklung zu thematisieren. In Anlehnung an die Rückkopplungskontrollmodelle der Kybernetiker interessiert ihn das Zusammenwirken von Mensch, Rechner, Programmierung, Bildgenerierung und Umwelt. Nicht das fertige Bild ist für ihn künstlerisches Produkt, sondern das gesamte Mensch-Maschine- Interaktionssystem, vermittels dessen ein Bild automatisch, quasi als Nebensache gefertigt wird.Die Maschinen sind als Einheit von Hardware und Programmalgorithmus eine natürliche Erweiterung des menschlich organismischen Funktionsapparats. Sie vollziehen in einem ersten Schritt die Abkopplung des eigentlichen Malvorgangs von der konzeptuell- kreativen Tätigkeit. In einem zweiten Schritt, der sich derzeit in Entwicklung befindet, steigern sie sich: sie werden vom Homunkulus zum Kreator. Dazu entwickelt Bär Programme auf der Basis von Artificial Intelligence und Artificial Life. Das Ziel dieser Unternehmung ist es nicht, zu zeigen, daß Maschinen die gleiche Kreativität besitzen wie Menschen, sondern daß die Kreativität selbst einer algorithmisierbaren Unterscheidungslogik folgt. Das, was wir als Werk zu sehen bekommen, ist immer Produkt einer selektiven Handhabung von Unterscheidungen. "Kreativität hat im wesentlichen mit Reduktion zu tun", sagt Niklas Luhmann.

Bärs Absicht ist es, auf der Ebene massenmedialer Manufaktur tätig zu werden um die Wirklichkeit der Medien, ihre Funktionslogik und Wirkungsdimension durch den Einsatz affirmativer Strategie zu veranschaulichen. Dabei geht er nicht wertend vor. Ihm geht es nicht um die Thematisierung der manipulativen Dimension der Medien, den Verfall der Sitten, um Spaßkultur. Ihn interessiert vielmehr die Selbstbezüglichkeit und die damit verbundene Allgegenwärtigkeit der Medien, die Permanenz des Wiedereintritts von Unterscheidungen in das durch sie unterschiedene.So thematisiert der Prozeßkünstler sein eigenes Eingewobensein in den geschlossenen Kreislauf einer sich selbst und Ihre Ikonen produzierenden Welt medialer Artefakte, indem er die kleinen und großen Gätter der Medienwelt unterschiedlos neben Freunden, Bekannten, Färderern oder auch historischen und Phantasiefiguren von seinen Maschinen malen läßt. Pixelig und verrauscht als Kopien von Kopien, potentiell endlos reproduzierbar, beobachten sie unser Tun, jene Gestalten und Objekte, die uns von Kindheit an aus dem Bildschirm heraus angestrahlt haben und die Teil unserer selbst geworden sind und zwar vällig unabhängig davon, ob wir sie mägen oder nicht, ob ihre Aussagen relevant sind oder schwachsinnig und ob sie nutzen oder schaden. In der modernen Medienwelt entscheidet nur die Faktizität des Auftritts.
Bär läßt alle nochmal auftreten und zwar von Roboterhand auf Leinwand gebannt. Das sieht nicht unbedingt nach feinmotorischer Pinselquälerei aus. Der Roboter ist eher von der groben Sorte. Er macht nichts anderes, als digital aufgerasterte und farbig kodierte Bildvorlagen nach vorgegebenen Pixelschemata auf die Leinwand zu übertragen. Dabei träufelt er gern, er schmiert und schliert. Aber er malt, zwar mit einfacher Schiebetechnik (zwei vor/einen zurück) aber genauso lange, wie es ihm gesagt wird und ohne zu murren. Er muß nicht schlafen, er muß keine Zigaretten rauchen und hat keinen Liebeskummer. Er ist nichts anderes als ein verlängerter menschlicher Arm mit eingeschränkter Taktilität. Als solcher hat er bislang weit über 1000 Bilder produziert, von denen gut die Hälfte bereits verkauft wurde.
Mit den Jahren wird der Roboter schneller, die Bilder werden exakter. Sie gewinnen Tiefe und Ausdruckskraft, dargestellte Personen und Objekte erkennt man mittlerweile auf Anhieb. Doch geht es Holger Bär nicht darum, mäglichst originalgetreue Abbildungen zu produzieren. Er mag am liebsten verunglückte Exemplare: digitale Zerrfratzen, die sich durch Irritationen im Programmablauf ergeben. Der Vollkommenheitsanspruch in Bezug auf Computereinsatz ist ihm ein Greuel. Die Realität der Massenmedien spiegelt sich am besten in ihrer dargestellten Unschärfe, Unübersichtlichkeit, Zerrissenheit. Das Medium selbst muß in seiner pixeligen Existenz auf gleicher Ebene sichtbar werden wie das Motiv, es muß als Form erkennbar in sich selbst wiedereintreten. Die Dopplung der Aussage von Bild und Medium als Bild, die kühne Einfachheit der malerischen Vorgehensweise, die selbstverständliche und produktive Verquickung von künstlerischer Tätigkeit und technologischem Environment, der unbefangene Zugriff auf den gesellschaftlichen Mechanismus sich selbst produzierender Themen, die subdominante Positionierung der künstlerischen Persänlichkeit innerhalb eines Mensch-Maschine- Interaktionsgefüges, das sind die wesentlichen Punkte, die den Werken Holger Bärs ihre zeitgenässische Plausibilität und Attraktivität verleihen.


Stefan Asmus

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