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Wie Maschinen Menschen sehen.

 

Im Verhältnis zu sich selbst ist der Mensch seine eigene Maschine: eine komplexe, nichttriviale Maschine, deren individueller Funktions- und Wirkungsmechanismus weitestgehend im Verborgenen abläuft.
Im erweiterten Modus seiner Weltaneignung schafft der Mensch sich triviale Maschinen, die ihn bei der Bewältigung von Routinetätigkeiten unterstützen. Der Computer ist eine solche triviale Maschine. Allerdings ist der Computer komplex: er ist Werkzeug und Medium zugleich, das heisst, er kann sehr unterschiedliche Aufgaben übernehmen, z.B. einen Mechanismus steuern, der einen Pinsel führt.

Deswegen kann er noch lange nicht malen, denn Malerei hat nichts damit zu tun, dass ein Pinsel Farbe auf eine Leinwand aufträgt. Vielmehr ist Malerei als Prozess der Generierung von Bildern zu verstehen, der geistige und materielle Momente kombiniert und zur Anschauung bringt. Dieser Prozess hat sich durch die Evolution der Mensch/Maschine-Schnittstellen ausdifferenziert. Die internen Bilder, Gedanken und Stimmungsmomente werden mit Hilfe des Rechners algorithmisiert, also sprachlich codiert. Der digitale Code ist in nahezu jeder Hinsicht modellierbar. Dadurch tritt jedes Bild, das komplexe Rechenoperationen durchlaufen hat, in maximale Distanz zu seinem Urheber: es ist grundsätzlich manipulierbar und endlos reproduzierbar. Sein Realitätsgehalt definiert sich durch die Virtualität von Rechenoperationen, die unter Umständen Zufallsanweisungen folgen.

Noch offensichtlicher wird die Differenz zwischen Autor und Werk, wenn Computer die Bilder über codierte Verfahren selbst auswählen. Bildvorlagen gibt es überall. Insbesondere im Internet findet man eine nahezu unbegrenzte Vielfalt an digitalisierten Bildern. Es ist ein leichtes für einen Rechner, diese nach vorgegebenen, auch zufälligen Kriterien zu suchen, zu filtern und zu manipulieren. Schwieriger ist es, den bearbeiteten Code mit Pinsel und Ölfarbe auf Leinwand zu übertragen. Dafür hat Bär in den letzten Jahren Roboter entwickelt, die diese Arbeit leisten. Das hat mit der romantischen Vorstellung von Malerei, bei der jeder Pinselstrich mit dem Auge kontrolliert wurde, nicht mehr viel zu tun. Der Maler wird zum Autor eines Algorithmus, der sich innerhalb einer Soft- und Hardwareumgebung verwirklicht. Die derart entstandenen Bilder sind keine Primärbilder mehr und Künstler wie Holger Bär zeigen uns, dass sie es auch nicht sein müssen. Diese Bilder sind Anregungen zum Bildersehen. Es sind Bilder von Bildern, die interne Bilder erzeugen, indem sie unseren Welt-Bild-Apparat aktivieren und unsere Erinnerung an längst Bekanntes wecken. Sie legen keinen Wert auf Originarität, sondern orientieren sich am Überfluss des Gegebenen: sie sind Dokumente massenmedialer Bilderflut und als solche
Bilder der 2. Ordnung.

Sie zeigen diskret, was kontinuell gedacht wird und die syntaktische Dimension der sichtbaren Pixel in den von Holger Bär konzipierten
Mensch/Maschine- Interaktionsbildern demonstriert, dass wir es mit Algorithmen und Zeichenketten zu tun haben, die an sich überhaupt keine Bedeutung tragen. Die Bedeutung entsteht ausschliesslich in unseren Köpfen. Was die Ästhetik dieser, wie aller Bilder ausmacht, ist die Art und Weise, wie sie sich zu uns selbst in Beziehung setzen.

Auf der Suche nach dem Bild des Menschen scannen Holger Bärs Computer die Netze ab. Sie folgen einem einfachen Algorithmus und gehen rein quantitativ vor. Der implementierte Code lässt sie nach Motiven suchen, wie der Mensch sich heute selbst sieht. So finden sie Bilder, die Menschen als Zeugnis ihrer selbst hinterlegt haben. Auf diesen Bildern ist die Süssheit von Boticellis Venus und die vornehme und indifferente Zurückhaltung von Mona Lisas Lächeln der orgasmisch verklärten Verzückungsvisage gewichen. Der Endverbraucher als Voyeur berauscht sich am Ausdruck der Unmittelbarkeit seiner eigenen Gefühle. Auf der Suche nach Authentizität und Individualität hat der Mensch sich selbst erfahrungsverloren und unbewusst auf die triviale Ebene der Maschine begeben.
Wie Maschinen Menschen sehen? Maschinen sehen Menschen pornografisch, wenn Menschen sehen, wie Maschinen Menschen sehen.

Stefan Asmus

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