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Der faulste Künstler der Geschichte

 

Auf den ersten Blick mag die vorliegende Zusammenstellung von Holger Bärs Bildmotiven etwas willkürlich erscheinen. Die Verbindung zwischen einer paläolithischen Kuh aus der Lascaux Grotte, einer V-2 Rakete und einer
athletisch verkrümmten Pornodarstellerin wirkt eher poetisch als systematisch. Jedoch sind alle Beispiele von angehaltener, sogar 'gefrorener' Bewegung: befestigte Momente aus dem Bilderfluß. Signifikanterweise basieren auch die Porträtstudien, die hier folgen, nicht auf formellen Posen, sondern auf Schnappschüssen, auf Momentaufnahmen.

Es ist längst zur Mode geworden, den visuellen Überdruß des post-technologischen Zeitalters zu beklagen, selbst wenn der Hunger nach Bildern offensichtlich zu den ältesten und scheinbar unersättlichsten Instinkten der Menschheit gehört. Das Bedürfnis, den Fluß momentan anzuhalten, scheint aber genauso tief zu liegen - eine Tatsache, die die heutige Akzeptanz von Photographie als eine gleichberechtigte Kunstgattung teilweise erklärt.

Daß die Lascaux-Künstler präzise Abbildungen der damaligen Tierwelt schufen, ist Wunder genug. Erstaunlicher aber ist ihre Vorliebe, Lebewesen in Bewegung zu zeigen: d.h. in Konfigurationen, die das menschliche Auge nur postulieren kann. In der großen Halle von Lascaux scheint eine Stierherde jedoch so über die steinerne Wand zu donnern, daß man das Trommeln ihrer Hufe hört. In der Nähe befinden sich schwimmende Hirsche, grasende Wildpferde und ein langsam schlenderndes Rhinozeros. Die konzeptionelle Schwierigkeit der selbsterteilten Aufgabe, den Bewegungsablauf festzuhalten, wurde erst einige Jahrtausende später deutlich, als der englische Photograf Eadweard Muybridge 1872 jene bahnbrechende Photosequenz eines gallopierenden Pferdes machte. Seine Ergebnisse wurden sofort von Malern - u.a. von Jean Louis Meissonier, Thomas Eakins, Edgar Degas und Adolphe Menzel - aufgegriffen.

Ähnlich fing Holger Bär Mitte der 80er Jahre an, den medialen Fluß zu stoppen, um zeitgemäße Themen für die Malerei zu schaffen. Mit Hilfe eines Video-Digitizers wurden Fernsehbilder zu Malvorlagen verarbeitet, die Rasterung des Originals als Formensprache aufgegriffen. Jeder sogenannte 'Pixel' wurde als Farbtupfer wiedergegeben, um eine Art digitalen Pointillismus zu erzeugen. Erst der Blick des Zuschauers setzte das flimmernde Feld in wiedererkennbare Motive um.

Die bekannten Gesichter von Fernsehpersönlichkeiten und Politikern gehörten zu den frühen Sujets. Später kamen Motive aus Zeitschriften und Zeitungen, aus der Kunstgeschichte und kürzlich aus dem Internet hinzu. Die Quellen wurden im Computer eingescannt, gerastert und vorkoloriert, bald aber auch von Robotern ausgeführt. In Zusammenarbeit mit verschiedenen Technikern entwickelte Bär seine eigenen Maschinen und Software. Heute verfügt er über ein Dreigespann von elektronischen 'Assisstenten', die bereit sind, stundenlang - sogar tagelang - zu arbeiten, um ein einzelnes Motiv Pixel für Pixel auf die Leinwand zu bannen.

"Mein Ziel ist es, der faulste Künstler der Geschichte zu werden", behauptet Holger Bär. "Nach meinem Tod können die Maschinen einfach weiter arbeiten." Damit verhehlt er aber die Sorgfalt, mit der einzelne Motive ausgesucht, komponiert und koloriert werden. Hinzu kommt die Tatsache, daß scheinbar unkompatible Sujets manchmal kombiniert werden - z.B. Andy Warhols berühmte "Flowers" mit einem Hubschrauber über Vietnam -, um eine neue, unbekannte Sichtweise von bekannten Bildern zu schaffen. Aber selbst bei den
einfachsten Einzelbildern wird das déjà-vu Erlebnis unterminiert, indem die sinnlichen Impastos und die üppige Farbgebung zu allererst als Malerei gelesen werden müssen.

Nicht bloß die Bilder, sondern die Art und Weise, wie optische Informationen empfangen und entziffert werden, ist hier das Entscheidende. Daher überrascht es nicht, daß Holger Bär sich auch mit der Erforschung (und 'Eroberung') des Weltalls beschäftigt hat, daß Wernher von Brauns V-2 Rakete oder ein Astronaut, sowie Sputnik, Space Lab, Challenger und Mir auf seinen Leinwänden erscheinen. Durch Weltall-Technologien wird ein neuer Blick auf die Erde geschaffen, der gleichzeitig einen voyeuristischen und einen
narzisstischen Drang erfüllt. Dank des Fernsehens wurde sogar die tragische Challenger-Explosion zum voyeuristischen Ereignis.

Die Satellitenübermittlungen, die uns tagtäglich Krieg, Naturkatastrophen und Skandale 'live' vor Augen führen, bringen Internet-Fans auch pornographisches Kitzeln aus dem All. Hält man aber den Erotikfluß an, wird der Sinnesbetrug deutlich. Monumentalisiert auf Holger Bärs Leinwänden, entlarvt sich die Absurdität dieser 'interaktiven' Szenerie. Hier wird der gesellschaftskritische und medienkritische Ansatz des Künstlers, der oft nur unterschwellig funktioniert, auf ironische und treffsichere Weise verdeutlicht.


David Galloway

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